Ein Tag im mittelalterlichen Wien

31 Jänner 2026

Ich komme am Stephansplatz an, wo ich mir als Erstes nicht den berühmten Dom, sondern eine weniger bekannte Attraktion im Untergrund ansehe, direkt in der U-Bahn Station: die Virgilkapelle, eine unterirdische Kapelle aus dem 13. Jahrhundert. Die Reste der Wandmalereien zeigen von Kreisen eingefasste gleichschenkelige Kreuze. Nach C. G. Jung ("Der Mensch und seine Symbole") kann man sie als eine Verbindung von Materiellem und Geistigem interpretieren, während die vertrauteren lateinischen Kreuze mit ihrem erhöhten Zentrum eine Vergeistigung des Glaubens ausdrücken (ibid.). Diese Variante des Kreuzes passt gut zu einem Ort, der womöglich ursprünglich als unterirdische Krypta für die Überreste des Heiligen Koloman geplant war.

 

Gleichschenkeliges Kreuz in einem Kreis, Virgilkapelle, Wien.

Da ich bereits am Stephansplatz bin, werfe ich natürlich einen schnellen Blick auf den Dom, allerdings nur von außen, weil an diesem Tag im Inneren die Weihe des neuen Erzbischofs von Wien stattfindet.

Stephansdom, Blick vom Südwesten. Ein prächtiges Beispiel gotischer Architektur, und derzeit ganz ohne Gerüste auf dieser Seite!

Ich gehe weiter zum Schwedenplatz, wo ich Mittagessen will. Mehr durch Zufall als geplant komme ich an der Ruprechtskirche vorbei, einer der ältesten Kirchen Wiens (der Titel "älteste Kirche" ist mittlerweile umstritten).

Ruprechtskirche, Blick vom Südwesten.

Der Platz um die Kirche liegt still da. Abgesehen von ein paar Passanten bin ich hier alleine. Im Sommer ist hier wahrscheinlich mehr los.

Statue des Heiligen Rupert, Detail von der Nordseite des Turms der Ruprechtskirche.

Nach dem Mittagessen komme ich an Maria am Gestade, einer netten gotischen Kirche in der Innenstadt, vorbei.

Maria am Gestade, Blick von Westen.
Maria am Gestade, südlicher Eingang.

Vom Mittelalter werde ich unerwartet in die Antike zurückgeworfen, als in der Nähe der Kirche mein Blick auf eine Statue meiner Lieblingsgöttin fällt. Es handelt sich dabei um eine Promotion des Europäischen Radiologenkongresses, der dieses Jahr in Wien stattfindet.

Am Gestade, Athena mit ihrer Eule. Die Göttin selbst hatte den Beinamen "glaukopis" (altgriechisch: "eulenäugig"), vielleicht eine Anspielung auf ihren durchdringenden Blick - eine durchaus passende Partonin für die Radiologen.

Aber zurück zum mittelalterlichen Wien! Meine nächste Station ist ein unscheinbares Haus auf der Tuchlauben - nur eine Tafel am Eingang weist darauf hin, dass sich hier ein Museum befindet: Der Neidhart Festsaal. Die Türen sind auch während der Öffnungszeiten geschlossen; man muss läuten um ins Haus zu kommen. Das Museum besteht aus einem Raum im Obergeschoss - aber der Besuch zahlt sich trotz der beschränkten Größe aus. Dieser Raum war ein Tanzsaal und stammt aus dem 15. Jahrhundert. An den Wänden befinden sich Malereien mit Szenen, die sich auf das Werk des Minnesängers Neidhart von Reuental aus dem 13. Jahrhundert beziehen.

Auszug Adliger aus der Burg.
Tanzszene.
Schneeballschlacht und Schlittenfahrt.
Liebespaar und Spiegelraub.

Übrigens ist der Neidhart Festsaal ab 2. März 2026 temporär geschlossen. Wer ihn sich also noch ansehen will muss sich beeilen. Ich beende meinen Rundgang im Wien Museum am Karlsplatz, wo ich durch den Teil der Dauerausstellung schlendere, der sich dem Mittelalter widmet.

Pavese mit Darstellung des Heiligen Georg, 15. Jh.

(Wenn dir diese Pavese gefällt findest du mehr von diesen Schilden in der Online Sammlung des Wien Museum).

Statuen vom Stephansdom im Wien Museum: Herzog Rudolf IV mit seiner Frau Katharina von Böhmen und beider Eltern: Kaiser Karl IV and Blanche von Valois (rechts) und Herzog Albrecht II and Johanna von Pfirt (links).

 

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